Ismael und Bogdan

Gestern erschien Ismael, ein junger Mann aus Ankara Anfang Dreißig, mit ernstem Gesicht. Er habe sich von seiner ukrainischen Freundin getrennt, nach neun Jahren. Vergangene Woche hätten sie heiraten wollen, daraus sei nichts geworden. Nun hätten sie zehn Tage diskutiert und gestritten und einen Ausweg gesucht, aber sie hätten es abgebrochen. Der Hauptgrund wäre ihre Familie, die ihn nicht als Schwiegersohn akzeptierten. Viele Jahre hätten sie nicht einmal mit ihm geredet. Und seine Freundin würde es nicht ertragen, seinetwegen mit ihrer Familie und ihrer Heimat zu brechen. Ismaels Stimme ist brüchig, er unterbricht einige Male und blickt zur Seite.
Nun will Ismael erstmals Urlaub machen in der Ukraine und unabhängig und selbständig das Land mit neuen Augen sehen. Als Reisender.

Bogdan ist mir als Fotograph aufgefallen am Karl Marx-Prospekt. Wir waren sofort im Gespräch, und zwar auf Deutsch. Bogdan stammt aus Donjezk. Seine Familie sei weggegangen wegen der Perspektivenlosigkeit im umkämpften Gebiet. Zum Donbass sagt er: Die ukrainische Regierung sei selbst schuld an den Problemen. Er sei kein Russe und wolle, dass der Donbass bei der Ukraine bleibt. Aber man habe zu lange der Krise der Schwerindustrie untätig zugesehen. Andere Länder hätten Reformen schon in den Achzigerjahren beginnen. Hierzulande wären höchstens Fabriken stillgelegt worden, ohne Alternativen zu suchen. Das ganze Gebiet lebt vom Bergbau von Eisen und Kohle sowie von der Stahlerzeugung, die unrentabel wäre. Dazu hätten Arbeitslose oder Kranke keinerlei staatliche Absicherung. Die Pensionen seien lächerlich klein.
Und als dann die russische Armee auf der Krim aufgetaucht ist, habe die nach der Vertreibung von Janukowitsch wackelige neue ukrainische Regierung nichts unternommen, und ebensowenig im Donbass. Erst als die Kämpfer Positionen gehabt hätten, aus denen sie kaum mehr zu vertreiben seien, wäre die ukrainische Armee im Donbass erschienen. Dieses Desinteresse der Regierung an den Gebieten würde zusätzlich Bewohner in die Arme Russlands treiben. Dabei wusste Bogdan, dass es in Russland um nichts besser wäre. Er hat selbst Verwandte dort. Dieselbe Stahlkrise, dieselbe Perspektivenlosigkeit.
Seine Familie sei nach Dnjepro gekommen, weil die Firma seines Vaters hier auch eine Niederlassung hätte. Aber die Leute aus dem Donbass würden in der Ukraine verachtet. Sie gälten als Abtrünnige, man vermietet an sie keine Wohnungen. Ausländer im eigenen Land, sie, die sich gegen Russland und für die Ukraine entschieden hätten.

Bogdan war in Deutschland, hat mehrere Städte gesehen, interessiert sich auch für Österreich, für Architekturgeschichte und Urbanistik. Er freut sich, von mir zu hören, dass ich das fröhliche öffentliche Leben der ukrainischen Städte lobe, den starken öffentlichen Nahverkehr, die vielen Gehsteiglokale und nahen Einkaufsmöglichkeiten. Die ungezwungene entspannte öffentliche Präsenz junger Leute. Entgegen dem extremen Individualismus in Mitteleuropa.
Aber Möglichkeiten für sich selbst sieht der ausgebildete Volkswirt in diesen Ländern nicht. Er begann Chinesisch zu lernen und will sich in Shanghai niederlassen. Dort gäbe es Zukunftsaussichten.

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