dnjepr

Freitag, 11. August 2017

Ismael und Bogdan

Gestern erschien Ismael, ein junger Mann aus Ankara Anfang Dreißig, mit ernstem Gesicht. Er habe sich von seiner ukrainischen Freundin getrennt, nach neun Jahren. Vergangene Woche hätten sie heiraten wollen, daraus sei nichts geworden. Nun hätten sie zehn Tage diskutiert und gestritten und einen Ausweg gesucht, aber sie hätten es abgebrochen. Der Hauptgrund wäre ihre Familie, die ihn nicht als Schwiegersohn akzeptierten. Viele Jahre hätten sie nicht einmal mit ihm geredet. Und seine Freundin würde es nicht ertragen, seinetwegen mit ihrer Familie und ihrer Heimat zu brechen. Ismaels Stimme ist brüchig, er unterbricht einige Male und blickt zur Seite.
Nun will Ismael erstmals Urlaub machen in der Ukraine und unabhängig und selbständig das Land mit neuen Augen sehen. Als Reisender.

Bogdan ist mir als Fotograph aufgefallen am Karl Marx-Prospekt. Wir waren sofort im Gespräch, und zwar auf Deutsch. Bogdan stammt aus Donjezk. Seine Familie sei weggegangen wegen der Perspektivenlosigkeit im umkämpften Gebiet. Zum Donbass sagt er: Die ukrainische Regierung sei selbst schuld an den Problemen. Er sei kein Russe und wolle, dass der Donbass bei der Ukraine bleibt. Aber man habe zu lange der Krise der Schwerindustrie untätig zugesehen. Andere Länder hätten Reformen schon in den Achzigerjahren beginnen. Hierzulande wären höchstens Fabriken stillgelegt worden, ohne Alternativen zu suchen. Das ganze Gebiet lebt vom Bergbau von Eisen und Kohle sowie von der Stahlerzeugung, die unrentabel wäre. Dazu hätten Arbeitslose oder Kranke keinerlei staatliche Absicherung. Die Pensionen seien lächerlich klein.
Und als dann die russische Armee auf der Krim aufgetaucht ist, habe die nach der Vertreibung von Janukowitsch wackelige neue ukrainische Regierung nichts unternommen, und ebensowenig im Donbass. Erst als die Kämpfer Positionen gehabt hätten, aus denen sie kaum mehr zu vertreiben seien, wäre die ukrainische Armee im Donbass erschienen. Dieses Desinteresse der Regierung an den Gebieten würde zusätzlich Bewohner in die Arme Russlands treiben. Dabei wusste Bogdan, dass es in Russland um nichts besser wäre. Er hat selbst Verwandte dort. Dieselbe Stahlkrise, dieselbe Perspektivenlosigkeit.
Seine Familie sei nach Dnjepro gekommen, weil die Firma seines Vaters hier auch eine Niederlassung hätte. Aber die Leute aus dem Donbass würden in der Ukraine verachtet. Sie gälten als Abtrünnige, man vermietet an sie keine Wohnungen. Ausländer im eigenen Land, sie, die sich gegen Russland und für die Ukraine entschieden hätten.

Bogdan war in Deutschland, hat mehrere Städte gesehen, interessiert sich auch für Österreich, für Architekturgeschichte und Urbanistik. Er freut sich, von mir zu hören, dass ich das fröhliche öffentliche Leben der ukrainischen Städte lobe, den starken öffentlichen Nahverkehr, die vielen Gehsteiglokale und nahen Einkaufsmöglichkeiten. Die ungezwungene entspannte öffentliche Präsenz junger Leute. Entgegen dem extremen Individualismus in Mitteleuropa.
Aber Möglichkeiten für sich selbst sieht der ausgebildete Volkswirt in diesen Ländern nicht. Er begann Chinesisch zu lernen und will sich in Shanghai niederlassen. Dort gäbe es Zukunftsaussichten.

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Donnerstag, 10. August 2017

Museum jüdischer Geschichte in Dnjpr

- Ein Film vom Warschauer Ghetto, als Beispiel für jüdischen Widerstand gegen die Vernichtungspolitik der Nazis. Man konnte sehen, wie Juden mit der Schiebetruhe auf der Straße verhungerte Juden einsammelten wie Fleischstücke und sie auf die Deponie brachten.
- Ein anderer Teil zeigte die Deportationen. Familien strömten zum Bahnhof mit Koffern, Kinder winkten begeistert aus Fenstern der Waggons.
- In der Ukraine gab es (wenn ich richtig verstanden habe) keine Konzentrationslager und keine Vergasung und Verbrennung von Leichen. Sondern die Juden wurden erschossen und in Gruben geworfen. Wir sahen solche Gruben mit Kinderspielsachen, Schuhen und Kleidungsstücken, und wie Schnee und Lehm drübergeschaufelt wurde.
- Unser Führer sagte, in der Ukraine verschwand das Kosakentum im 19. Jht, in Russland bestand es auch im 20. Jht.
- Er wusste von der Tragödie der Kosaken in Kärnten, er hätte darüber seine Dissertation geschrieben.
- Es gab Progrome gegen Juden in der Ukraine bereits im 19. Jht. Wir sahen Beispiele, wo sich jüdische Persönlichkeiten bei Tribunalen gegen Vorwürfe verteidigen mussten, sie hätten Christen geschlachtet und ihr Blut getrunken. Sie standen allein Richtern und Staatsanwälten gegenüber und hatten hinter sich einen Saal feindlich eingestellter Mitbürger.
- Stalin verfolgte nicht die Juden, sondern die Religion. Und zwar jede. Die Verklärungskirche wurde zu einem Zentrum für Atheismus gemacht.
- Stalin ermordete 5 1/2 Millionen Menschen in der Ukraine durch eine geplante Hungersnot.
- „Schmerzen dürfen nie nur Schmerzen der anderen sein“

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Mittwoch, 9. August 2017

Zaporizhzhya Bahnhof

Schon in Odessa ist mir aufgefallen, dass aus dem Bahnhofsgebäude ständig ein Fiepton kommt, immer im gleichen Rhythmus. Offenbar zur Orientierung von Blinden.

Ich trete auf eine Gruppe von drei Eisenbahnbeamten und -Beamtinnen und einen Soldaten hin und frage mit der Karte in der Hand, wo mein Zug abfährt. Die drei Eisenbahner verschwinden augenblicklich und wortlos, der Soldat schickt mich in die Halle zurück, ich soll den Plan lesen.

Wenn ein Zug abfährt, ertönt aus Lautsprechern Marschmusik. Ich bin schon mit Marschmusik empfangen worden in dieser Stadt.

Neben mir auf der Bank sitzt eine junge Frau, isst Gebäck aus der Schachtel und trinkt Bier aus der Flasche. Sie trägt ein rotes, langes Sommerkleid und Sandalen.

Niemand wirft etwas zu Boden. Selbst das kleinste Papierl trägt man zum Papierkorb. Sogar Zigarettenstummel, nachdem sie irgendwie am Rand ausgedrückt werden.

Der Busfahrer wird von jedem Fahrgast mit vier Grina bezahlt, gleich beim Einsteigen oder während der Fahrt. Er gibt dann jedem das Wechselgeld genau heraus, während der Fahrt. Auch wenn du mit einem Hunderter bezahlst. Die Maschrutka fasst etwa 20 Fahrgäste. Der Passagier reicht aus der letzten Bank das Geld bis zum Fahrer weiter, und dieser wieder das Wechselgeld zurück. Die Hitze ist besonders beim Stehen unerträglich, wenn sich die Fahrgäste am schmalen Gang zwischen den Sitzplätzen aneinander vorbeischieben. Deshab hält der Fahrer so kurz wie möglich und fährt sofort an, wenn der letzte Zusteigende zumindest einen Fuß im Wagen aufgesetzt hat. Die Tür schließt er mit einem an der Schnalle angebundenen Riemen. Bis zur nächsten Kreuzung oder Haltestelle erreicht er Höchstgeschwindigkeiten. Tatsächlich fahren immer mehrere Maschrutkas mit verschiedenen Nummern überlappend dieselbe Strecke ab. Deshalb ist wichtig, wer zuerst und in welcher Position die Haltestelle erreicht, um genügend Fahrgäste zu erreichen und wieder gut wegzukommen. Von der Fahrgeschwindigkeit ist die Kühlung im Wagen abhängig.

Eine Taube torkelt vor meiner Sitzbank umher und pickt nach Steinchen. Sie ist weiß, mit hellbraunen Flecken, die Flügelspitzen sind leicht geschwärzt. An einem Bein hängt etwas wie ein grünes Bastband. Manchmal steigt sie mit dem anderen Fuß auf das Band und stolpert. Als ich lache, fliegt sie wortlos weg.

Ein alter Mann kommt verspätet zum Zug, der schon anfährt. Die Türen stehen alle noch offen, überall von einer Schaffnerin bewacht. Sie lässt ihn nicht hinein, er müsste über hohe Stufen klettern, fast zwei Meter, der Zug rollt bereits. Eine Tochter kommt schreiend gerannt, der Mann klammert sich an die offene Tür. Dann versuchen sie es beim nächsten Wagen, der Zug hat Fahrt aufgenommen. Innen kommt die Frau dazu und brüllt auf die Schaffnerin ein und drischt mit der Handtasche. Diese plärrt kreischend zurück und versucht die Tür zu verriegeln, wozu sie einen Balken umlegen muss, aber sie hat keinen Platz dafür. Draußen schreit der Mann dazu und trommelt gegen die Tür.
Am Bahnsteig sehen die Leute betroffen und entsetzt zu. Sie haben entweder eine Familientrennung gesehen oder einen abgewendeten Unfall mit Todesfolge.

Aus dem Bahnhofsrestaurant klingen leise Hits aus den Siebzigerjahren. Its a beautiful day, höre ich gerade.

Kurz bevor mein Zug kommt, spricht mich ein junger Mann an und fragt mich etwas. Es stellt sich heraus, dass wir beide Ausländer sind und mit demselben Zug nach Dnjepr fahren. Bloß steht auf unseren Tickets eine verschiedene Zugnummer. Wir stellen uns vor dem Schalter an, doch die Leute vor uns diskutieren zu lange. Der Zug fährt bereits ein, wir stürmen zum letzten Gleis und zeigen die Tickets der Schaffnerin, die uns zum richtigen Wagen in die falsche Richtung schickt. Während der drei Minuten Aufenthalt laufen wir den halben Zug ab. Als wir dann beim richtigen Wagen sind und hineinklettern, da nimmt uns die Schaffnerin die Karten aus der Hand. Von mir erhält sie den Computerausdruck, den ich bei Bezahlung ausgedruckt habe, und weist ihn zurück. Ich sollte ihn bei der Kassa gegen ein richtiges Ticket eintauschen. Ich verstehe alles, verweigere aber, dem nachzukommen und wieder auszusteigen und gehe stattdessen ins Wageninnere vor. Zu meinem Entsetzen ist es ein Wagen mit offenen Abteilen, in dem Menschen familienweise oder clanweise zusammensitzen. Als ich schweißgebadet das letzte Abteil erreiche, beobachten mich belustigt etwa 20 Menschen, bis ich endlich meinen nummerierten Platz gefunden habe. Ich sehe, dass alle Männer den Oberkörper entblößt haben, und zwänge mich aus dem klebrigen Shirt, worauf überall Lachen ausbricht. Ich spüre den Schweiß auf allen Seiten an mir herunterrinnen wie beim Duschen das Wasser. Am Plastiksitz klebt man fest, egal ob mit der Short oder mit den Oberschenkeln. Etwa eine halbe Stunde ringe ich um die Position, bis sich das Mädchen, das mir gegenübersitzt, und das ich für 14 halte, als englischsprechend verrät. Es beginnt eine vorsichtige Kommunikation, bei der sich herausstellt, dass die Familie von einer Ferienwoche zurückkehrt, dass sie 18 ist und ein technisches Collage besucht, aber in der Volksschule Englisch gelernt hat. Nun benutzt die Familie sie, um etwas über mich herauszubringen. Zum Schluss sind sie begeistert, Mutters Kindheitserinnerungen an Deutsch ausgraben zu können, was sie sogleich vorführt, und das begann:
Mein Bruder ist ein Traktor

Zaporizhzhya

Als ich den Lenin-Prospekt entlangtrabte mit vollem Gepäck, um 6 Uhr Früh, als mein Zug angekommen war, da erschien mir die Stadt grau, staubig und trostlos. Mein mutmaßliches Hotel lag fast am anderen Ende des 10 km langen stalinistischen Boulevards, dessen Gehsteig schon so breit ist wie bei uns eine mehrspurige Straße. Taxifahrern zu mißtrauen habe ich immer neue Gründe, und in volle Busse zu steigen, ohne zu wissen, wohin sie fahren und sich auf fremdsprachige Auskünfte zu verlassen erschien mir auch nicht ratsam.
Was soll das für eine Stadt sein, wo du für einen Häuserblock oder für zwei Hausnummern eine Viertelstunde brauchst. Meine Beobachtungen der dämmernden, aber endlosen Stadt waren aber nicht unvoreingenommen.

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Als ich am Abend aus der entgegengesetzten Richtung zurückkehrte, nach einem Wanderausflug auf die äußerste Spitze der Insel Chortyzja, wo angeblich das wunderbare Kosakenmuseum sei, das aber wegen Umbaus geschlossen war (wie übrigens auch das gepriesen günstige Hotel Dnjepr), wie ich erst dort erfuhr, und ich mit dem für einen Film nachgebauten Kosakendorf vorlieb nehmen musste, da legte ich am Rückweg noch ein Bad im Dnjepr ein.
Und dann, erfrischt und abendkühler, waren die Straßen und Parks auf einmal lebendig geworden. Überall flanierten junge Pärchen (wo sind die übrigens bei uns? gibt es überhaupt Jugendliche in Österreichs Städten?), stehen Männer in Gruppen und plaudern, gehen Frauen zu zweit tratschend, sitzen Pensionisten auf der Parkbank. Eine gelöste, fröhliche Stimmung.
Als ich doch einmal nach dem weg fragen musste, bekam ich sofort fröhlich die richtige Auskunft.
(In der Früh hatte ich noch gezweifelt, dass Bewohner dieser Botonstadt überhaupt lachen)
Eine unaufgeregte Lebendigkeit.
Menschen sind offenbar doch stärker als Kohle, Stahl und Beton.
Zumindest in der Ukraine

Die Sich von Zaporizhzhya

Die berühmteste Kosakenniederlassung war am Unterlauf des Dniepr, kurz nach den Stromschnellen. Dort war das größte und vielleicht wildeste Hetmanat, und wie sich das Leben dort und rundherum abgespielt hat, ist bei Gogol nachzulesen: Tara Bulba.

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