KirchenKunst
Irene Suchy hat sich in der Presse vor einigen Wochen gewundert, wie viele zeitgenössische Musiker eine Messe oder eine Kirchenoper komponieren, und dass der persönliche Glaube des Komponisten nicht abgeprüft werde, klang fast wie eine Entschuldigung für einen Anachronismus. Mich wundert eher, dass es so viele sein sollen, denn die Medien, auch Ö1, zeugen wenig davon.
Aber ich wundere mich nicht über die Sache. Eine Messe ist eine besondere Herausforderung, zumal für freie und innovative Künstler, provoziert sie doch sowohl inhaltlich, durch das jeweilige Schriftwort, wie auch formal, durch den Messablauf, Offizium und Ordinarium, aber auch durch das Zusammenspiel zwischen den Musikern, dem Priester und der Gemeinde. Von den von mir selbst beauftragten Musikern, viele davon Jazzmusiker, höre ich, dass der Response von einer liturgischen Gemeinde intensiver sein kann als vom Publikum eines Jazzclubs. Da gibt es Wechselgesänge, Tonbandaufnahmen vom Gemeindegesang, die verfremdet und interpretiert werden. Und da gibt es die gespannte Erwartung der feiernden Gemeinde, wie das Festgeheimnis diesmal durch die Musik dargestellt und interpretiert wird.
Eine noch größere Affinität zwischen Kunst und liturgischem Feiern liegt in der aktuellen Präsenz. Gerade Musik ist eine ereignishafte Kunstform. Sie fordert Aufmerksamkeit, ein versäumter Moment kehrt nicht wieder. Genauso ist es mit der Liturgie. Sie aktualisiert das Gotteswort und die Selbsthingabe des Herrn in einmaligen menschlichen Darstellungen, im Ereignis des Schriftvortrags, in der Wandlungsbitte oder in der Vergegenwärtigung der Heilstaten Gottes. Höchste Menschenpräsenz entspricht der Gottespräsenz im Wort und Zeichen. Und für diese Präsenz, so ist unmissverständlich festzustellen, für diese Präsenz braucht es Kunst.
Neben Musik und Komposition ist da die Kunst der Darstellung, beim Textvortrag, der Zelebration des Hochgebets oder bei der Predigt. Die ganze Liturgie ist eine szenische Vergegenwärtigung menschlicher Hoffnung und Erwartung sowie göttlicher Zusage und Verheißung. Die Kunstforderung gilt also auch an das kirchliche Feiern selbst – heute nicht weniger als zu Zeiten der tridentinischen Messe. Dann der Kirchenraum mit seinen architektonischen Möglichkeiten und Dilemmata. Der Kirchenbau sorgt nach Maßgabe des technisch und finanziell Möglichen, des zeitgenössischen Geschmacks, der geforderten Funktionalität, der gesuchten Aura des Kunstwerks für die Versinnbildlichung der heiligen Handlung, die darin stattfinden soll. Leider kenne ich nur wenige Beispiele geglückter Kirchenbauten aus den letzten Jahrzehnten. Sie ähneln oft Hallenbädern oder Mehrzweckhallen, mit sympathisch hellem Holz bestuhlt, transparent verglast, hervorragend beheizbar, beleuchtet und beschallt – aber ohne jegliches Geheimnis, ohne Spannung zwischen versammelter Gemeinde und heiliger Handlung.
Die dritte Koinzidenz zwischen Kunst und Heiligem sehe ich in der Existenz selbst. Die Existenz des Künstlers, die Existenz des Priesters. Viele Künstler gebären sich in priesterhaft schwarzer Kleidung, mit kahlgeschorenem Schädel und asketischem Gehabe. Aber die innere Verwandtschaft beider geht noch weiter. Da ist einmal die zölibatäre Lebensform des Priesters, die mißgünstig betrachtet und von bürgerlichen Kreisen am liebsten abgeschafft würde – da man liberal ist, einfach durch Freistellung, denn das hebt ihren Charakter der geforderten Selbsthingabe auf -, um den Priester in die angepasste Lebensweise einzureihen. Dagegen steht des Priesters Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen für eine besondere, ausgesetzte Individualität, die für Begegnungen mit Menschen öffnen soll, für einen freien Umgang mit Beziehungsformen, für gesellschaftliches Engagement und für spirituelle Vertiefung. Als Eheloser ist der Priester demselben Mangel einer nichtpartnerschaftlichen Effizienzgesellschaft ausgesetzt wie zum Beispiel alleinerziehende Mütter. Als Einzelkämpfer sucht er Verbündete, um die Unverfügbarkeit des Menschen zu bewahren vor dem Zugriff der Verwertbarmachung. Die Grundlage christlicher Individualität, die in der Glaubensentscheidung ihren Ausdruck findet, ist die göttliche Individualität in Christus, wie Kierkegaard unnachahmlich betont hat.
Ebenso arbeitet der Künstler an der Umsetzung seiner Ideen, und er präsentiert sein Werk in der Öffentlichkeit, die er beeindrucken, vielleicht auch formen will. Sein Werk fordert Beachtung, Geduld und zuweilen Empathie. Er gestaltet, und zugleich versucht er sich freizuhalten von der Verfügbarmachung seiner selbst durch den Kunstbetrieb. Gerade Künstler treten in vorderster Front öffentlich gegen die Vereinheitlichung und Verfügbarmachung auf, Elfriede Jelinek zugunsten der Frau, Josef Winkler gegen die Massenverdummung.
In der Kirche wurde vor Jahrzehnten eine Volkskirche zurückgelassen, die sich auf inzwischen verschwundene Standes- und Klassenmilieus gestützt hatte, und es formiert sich seither eine Individualkirche, die viel stärker auf eigener Glaubensentscheidung aufbaut und mittlerweile einiges Selbstbewusstsein erreicht hat. Dennoch fehlt ihr immer noch eine schlüssige theologische Reflexion sowie angemessene innerkirchliche und gesellschaftliche Repräsentationsformen. Formen von Gemeinschaft und Zusammenschluss wären zu entwickeln, um die zerfallenden Familien, Gruppen, Klassen und Verbände wieder aufzufangen, ohne sie erneut in ein System einzureihen. Selbst die sonst so kritischen Massenmedien haben diese Entwicklung noch nicht bemerkt und noch keine entsprechenden Darstellungsformen gefunden.
Als ein Beispiel künstlerischen Selbstausdrucks soll nun mein Altar in Maria Gugging vorgestellt werden. Seine Entstehung in der damaligen Nervenheilanstalt, in Nachbarschaft zum Haus der Künstler, ist allein bereits symptomatisch für die innere Zusammengehörigkeit von Kirche und Kunst. Inzwischen steht das Kirchlein am Gelände der kürzlich eröffneten Eliteuniversität IST. Auf den ersten Blick hervorstechend sind bestimmt die starke Farbigkeit und Körperlichkeit der Figuren auf den vier Altarflügeln, die einzeln beweglich sind und je nach Stellung verschiedene Bildensembles ergeben. Ein Bild zeigt jeweils eine bestimmte biblische Gestalt, und zwar ohne die traditionelle Kodierung durch bestimmte Attribute. Die gewählten Szenen haben auch kaum Vorbilder in der christlichen Ikonographie, ihre bildhafte Umsetzung ist jeweils ein Neuentwurf, der nur der Schriftstelle selbst verpflichtet ist. Andererseits verbindet die Einzelbilder aber eine mehrfache Typologie, zum Beispiel durch die Farben. Die rote Farbe fungiert als messianische Farbe, abgeleitet vom Basis-Chakra der Aura Soma – Farbenlehre, das dem Unterkörper, der Wirbelsäule und der Materie entspricht. Dadurch werden biblische Gestalten wie Jona oder Jeremia als messianische Verkörperung interpretiert (Vorgänger), was ihre Individualität nicht mindert, sondern erhöht. Die mehrfachen Wechselbezüge zwischen den Einzelbildern, die entweder im Osterzyklus oder im Weihnachtszyklus in einer liturgischen Ordnung stehen, werden darüber hinaus noch durch die entsprechenden Bibeltextstellen interpretiert. Denn jedes Einzelbild ist zugleich Element summarischer Texte, wie des Magnifikats und des Benediktus, zweier urchristlicher Hymnen mit einem weiblichen bzw. männlichen Aspekt. Die Mehrfachzusammenstellung der Elemente auf der Bild- und der Textebene erweitert ihre Individualität, ohne sie hermetisch in ein System zu sperren. Vielleicht mag das nun als ein Bild einer Individualkirche gelten, mit ihrem Auftrag in der Massengesellschaft.
Aber ich wundere mich nicht über die Sache. Eine Messe ist eine besondere Herausforderung, zumal für freie und innovative Künstler, provoziert sie doch sowohl inhaltlich, durch das jeweilige Schriftwort, wie auch formal, durch den Messablauf, Offizium und Ordinarium, aber auch durch das Zusammenspiel zwischen den Musikern, dem Priester und der Gemeinde. Von den von mir selbst beauftragten Musikern, viele davon Jazzmusiker, höre ich, dass der Response von einer liturgischen Gemeinde intensiver sein kann als vom Publikum eines Jazzclubs. Da gibt es Wechselgesänge, Tonbandaufnahmen vom Gemeindegesang, die verfremdet und interpretiert werden. Und da gibt es die gespannte Erwartung der feiernden Gemeinde, wie das Festgeheimnis diesmal durch die Musik dargestellt und interpretiert wird.
Eine noch größere Affinität zwischen Kunst und liturgischem Feiern liegt in der aktuellen Präsenz. Gerade Musik ist eine ereignishafte Kunstform. Sie fordert Aufmerksamkeit, ein versäumter Moment kehrt nicht wieder. Genauso ist es mit der Liturgie. Sie aktualisiert das Gotteswort und die Selbsthingabe des Herrn in einmaligen menschlichen Darstellungen, im Ereignis des Schriftvortrags, in der Wandlungsbitte oder in der Vergegenwärtigung der Heilstaten Gottes. Höchste Menschenpräsenz entspricht der Gottespräsenz im Wort und Zeichen. Und für diese Präsenz, so ist unmissverständlich festzustellen, für diese Präsenz braucht es Kunst.
Neben Musik und Komposition ist da die Kunst der Darstellung, beim Textvortrag, der Zelebration des Hochgebets oder bei der Predigt. Die ganze Liturgie ist eine szenische Vergegenwärtigung menschlicher Hoffnung und Erwartung sowie göttlicher Zusage und Verheißung. Die Kunstforderung gilt also auch an das kirchliche Feiern selbst – heute nicht weniger als zu Zeiten der tridentinischen Messe. Dann der Kirchenraum mit seinen architektonischen Möglichkeiten und Dilemmata. Der Kirchenbau sorgt nach Maßgabe des technisch und finanziell Möglichen, des zeitgenössischen Geschmacks, der geforderten Funktionalität, der gesuchten Aura des Kunstwerks für die Versinnbildlichung der heiligen Handlung, die darin stattfinden soll. Leider kenne ich nur wenige Beispiele geglückter Kirchenbauten aus den letzten Jahrzehnten. Sie ähneln oft Hallenbädern oder Mehrzweckhallen, mit sympathisch hellem Holz bestuhlt, transparent verglast, hervorragend beheizbar, beleuchtet und beschallt – aber ohne jegliches Geheimnis, ohne Spannung zwischen versammelter Gemeinde und heiliger Handlung.
Die dritte Koinzidenz zwischen Kunst und Heiligem sehe ich in der Existenz selbst. Die Existenz des Künstlers, die Existenz des Priesters. Viele Künstler gebären sich in priesterhaft schwarzer Kleidung, mit kahlgeschorenem Schädel und asketischem Gehabe. Aber die innere Verwandtschaft beider geht noch weiter. Da ist einmal die zölibatäre Lebensform des Priesters, die mißgünstig betrachtet und von bürgerlichen Kreisen am liebsten abgeschafft würde – da man liberal ist, einfach durch Freistellung, denn das hebt ihren Charakter der geforderten Selbsthingabe auf -, um den Priester in die angepasste Lebensweise einzureihen. Dagegen steht des Priesters Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen für eine besondere, ausgesetzte Individualität, die für Begegnungen mit Menschen öffnen soll, für einen freien Umgang mit Beziehungsformen, für gesellschaftliches Engagement und für spirituelle Vertiefung. Als Eheloser ist der Priester demselben Mangel einer nichtpartnerschaftlichen Effizienzgesellschaft ausgesetzt wie zum Beispiel alleinerziehende Mütter. Als Einzelkämpfer sucht er Verbündete, um die Unverfügbarkeit des Menschen zu bewahren vor dem Zugriff der Verwertbarmachung. Die Grundlage christlicher Individualität, die in der Glaubensentscheidung ihren Ausdruck findet, ist die göttliche Individualität in Christus, wie Kierkegaard unnachahmlich betont hat.
Ebenso arbeitet der Künstler an der Umsetzung seiner Ideen, und er präsentiert sein Werk in der Öffentlichkeit, die er beeindrucken, vielleicht auch formen will. Sein Werk fordert Beachtung, Geduld und zuweilen Empathie. Er gestaltet, und zugleich versucht er sich freizuhalten von der Verfügbarmachung seiner selbst durch den Kunstbetrieb. Gerade Künstler treten in vorderster Front öffentlich gegen die Vereinheitlichung und Verfügbarmachung auf, Elfriede Jelinek zugunsten der Frau, Josef Winkler gegen die Massenverdummung.
In der Kirche wurde vor Jahrzehnten eine Volkskirche zurückgelassen, die sich auf inzwischen verschwundene Standes- und Klassenmilieus gestützt hatte, und es formiert sich seither eine Individualkirche, die viel stärker auf eigener Glaubensentscheidung aufbaut und mittlerweile einiges Selbstbewusstsein erreicht hat. Dennoch fehlt ihr immer noch eine schlüssige theologische Reflexion sowie angemessene innerkirchliche und gesellschaftliche Repräsentationsformen. Formen von Gemeinschaft und Zusammenschluss wären zu entwickeln, um die zerfallenden Familien, Gruppen, Klassen und Verbände wieder aufzufangen, ohne sie erneut in ein System einzureihen. Selbst die sonst so kritischen Massenmedien haben diese Entwicklung noch nicht bemerkt und noch keine entsprechenden Darstellungsformen gefunden.
Als ein Beispiel künstlerischen Selbstausdrucks soll nun mein Altar in Maria Gugging vorgestellt werden. Seine Entstehung in der damaligen Nervenheilanstalt, in Nachbarschaft zum Haus der Künstler, ist allein bereits symptomatisch für die innere Zusammengehörigkeit von Kirche und Kunst. Inzwischen steht das Kirchlein am Gelände der kürzlich eröffneten Eliteuniversität IST. Auf den ersten Blick hervorstechend sind bestimmt die starke Farbigkeit und Körperlichkeit der Figuren auf den vier Altarflügeln, die einzeln beweglich sind und je nach Stellung verschiedene Bildensembles ergeben. Ein Bild zeigt jeweils eine bestimmte biblische Gestalt, und zwar ohne die traditionelle Kodierung durch bestimmte Attribute. Die gewählten Szenen haben auch kaum Vorbilder in der christlichen Ikonographie, ihre bildhafte Umsetzung ist jeweils ein Neuentwurf, der nur der Schriftstelle selbst verpflichtet ist. Andererseits verbindet die Einzelbilder aber eine mehrfache Typologie, zum Beispiel durch die Farben. Die rote Farbe fungiert als messianische Farbe, abgeleitet vom Basis-Chakra der Aura Soma – Farbenlehre, das dem Unterkörper, der Wirbelsäule und der Materie entspricht. Dadurch werden biblische Gestalten wie Jona oder Jeremia als messianische Verkörperung interpretiert (Vorgänger), was ihre Individualität nicht mindert, sondern erhöht. Die mehrfachen Wechselbezüge zwischen den Einzelbildern, die entweder im Osterzyklus oder im Weihnachtszyklus in einer liturgischen Ordnung stehen, werden darüber hinaus noch durch die entsprechenden Bibeltextstellen interpretiert. Denn jedes Einzelbild ist zugleich Element summarischer Texte, wie des Magnifikats und des Benediktus, zweier urchristlicher Hymnen mit einem weiblichen bzw. männlichen Aspekt. Die Mehrfachzusammenstellung der Elemente auf der Bild- und der Textebene erweitert ihre Individualität, ohne sie hermetisch in ein System zu sperren. Vielleicht mag das nun als ein Bild einer Individualkirche gelten, mit ihrem Auftrag in der Massengesellschaft.
weichensteller - 2. Aug, 19:09






















































